Wenn es einfach nicht passt – Warum ich mitten im Erfolg gegangen bin
- Hardy Kistner

- vor 17 Stunden
- 2 Min. Lesezeit

Ich bin mitten im Erfolg aufgestanden und gegangen.
Nicht, weil das Training schlecht lief.Nicht, weil die Teilnehmenden unzufrieden waren.Im Gegenteil: Das Feedback war durchweg gut bis begeistert.
Und trotzdem habe ich die Zusammenarbeit beendet.
Warum?
Ein starkes Format – und echtes Vertrauen
Über viele Jahre hinweg habe ich mit einer Ausbildungsstätte im öffentlichen Dienst zusammengearbeitet. Gemeinsam haben wir ein intensives Wochenformat für angehende Führungskräfte entwickelt. Ein fester Bestandteil war ein Improvisationstag.
Dieser Tag hatte Wirkung.
Die Teilnehmenden waren offen, mutig, engagiert. Die Rückmeldungen waren wertschätzend, teilweise begeistert. Viele beschrieben genau diesen Tag als besonders lebendig und nachhaltig.
Es gab Vertrauen.Es gab Gestaltungsspielraum.Es gab Professionalität.
Bis zu einem bestimmten Punkt.
Der Moment, in dem sich etwas verschiebt
Dann kam eine strukturelle Veränderung.
Ohne Vorgespräch wurde mir eine neue Co-Mediatorin und Moderatorin zugeteilt. Keine gemeinsame Auftragsklärung, kein Kennenlernen, kein Abgleich von Haltung oder Zielsetzung.
Nach unserem ersten gemeinsamen Training folgte eine unangemessene Abrechnung: Was ich alles falsch gemacht hätte. In einer Form, die weder professionell noch kollegial war.
Wir kannten uns nicht.Es gab keine gemeinsame Basis.
Als ich das Gespräch mit meiner Vorgesetzten suchte, kam lediglich die Rückmeldung:
„Ihr scheint beide ein Problem miteinander zu haben.“
In diesem Moment begann etwas zu kippen.
Wenn Führung zu Kontrolle wird
Was folgte, war keine Klärung – sondern zunehmende Kontrolle.
Meine Vorgesetzte saß plötzlich in jedem Training. Kommentierte. Bewertete. Benannte permanent, was sie anders machen würde.
Bis hin zu dem Punkt, an dem sie Übungen streichen wollte, weil sie sie „nicht mochte“ – obwohl sie selbst keinerlei Improvisationserfahrung hatte.
Mein Wunsch nach einem gemeinsamen Gespräch, um wieder auf eine vertrauensvolle Ebene zu kommen, wurde ignoriert.
Statt Verantwortung zu übernehmen, wurde ausgewichen.Statt Dialog entstand Mikromanagement.Statt Vertrauen wuchs Misstrauen – obwohl die Ergebnisse stimmten.
Und genau das war der entscheidende Punkt:
Die Qualität war da.Die Teilnehmenden waren begeistert.Die Wirksamkeit war sichtbar.
Aber die Führungsebene war nicht in der Lage, mit Unsicherheit konstruktiv umzugehen.
Der eigentliche Wendepunkt
Irgendwann wurde mir klar:
Hier geht es nicht mehr um Qualität.Nicht um die Teilnehmenden.Nicht um Führungskräfteentwicklung.
Hier geht es um Kontrolle. Um Absicherung. Um persönliche Befindlichkeiten.
Ich habe mich entschieden zu gehen.
Ohne Vorwurf.Ohne Rechtfertigung.Ich habe mich bedankt für die Zusammenarbeit und meinen Vertrag beendet.
Die einzige Reaktion war eine E-Mail mit der Frage, ob ich sie nicht mehr mögen würde.
Spätestens da war für mich klar:Wer Führung auf Sympathie oder persönliche Kränkung reduziert, ist nicht geeignet, zukünftige Führungskräfte auszubilden.
Was mich heute noch beschäftigt
Ich bereue meine Entscheidung nicht.
Aber mich wurmt bis heute die Übergriffigkeit auf mehreren Ebenen:Die fehlende Gesprächsbereitschaft.Das Ausweichen vor Verantwortung.Das subtile Untergraben von Professionalität.
Und die Tatsache, dass Menschen mit solchen Führungsbildern sozialisiert werden.
Manchmal ist Gehen kein Scheitern
Manchmal ist Gehen Selbstachtung.
Manchmal ist es die konsequenteste Form von Professionalität, wenn Werte nicht mehr übereinstimmen.
Es passt nicht immer.Und wenn es nicht mehr passt, darf man gehen.
Auch – oder gerade – wenn man erfolgreich ist.



